Unterwegs zu den Weisen: Von Ephesos nach Bodrum

Zwischen Ephesos und Bodrum liegt eine der faszinierendsten Geisteslandschaften der Antike. Eine Reise zu den Ursprüngen von Philosophie, Medizin und wissenschaftlichem Denken.

Als Reiseveranstalter bekomme ich immer wieder Anfragen zu bekannten Orten wie Kappadokien, Istanbul oder Ephesos, der eindrucksvollen griechisch-römischen Stadt im Westen der Türkei. Wenn eine Reise in Ephesos endet, möchten manche Gäste anschließend noch ein paar Tage am Meer in Bodrum verbringen. Diese Verlängerung plane ich sehr gerne ein. Ich empfehle allerdings immer, nicht direkt von Ephesos nach Bodrum zu fahren, sondern sich Zeit für die vielen besonderen Orte unterwegs zu nehmen. Warum?
Zwischen Ephesos und Bodrum erstreckt sich eine der bedeutendsten Geisteslandschaften der antiken Welt. In den Städten entlang dieser Route entwickelten sich neue Vorstellungen von Heilkunst und Medizin, und einige der grundlegenden philosophischen Fragen wurden hier erstmals diskutiert.
Eine Führung durch Ephesos ist natürlich immer beeindruckend. Ihr Guide wird Ihnen sicherlich von der Celsus-Bibliothek, den Säulenstraßen, den römischen Hanghäusern und dem großen Theater erzählen. All das ist faszinierend. Aber wussten Sie, dass Ephesos auch die Heimat eines berühmten vorsokratischen Philosophen war?
Heraklit wurde hier um 535 v. Chr. geboren und verbrachte sein Leben in Ephesos. Von ihm stammt der Gedanke, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Alles fließt, alles verändert sich, nichts bleibt stehen. Wenn man durch Ephesos geht, eine Stadt, die im Laufe ihrer Geschichte immer wieder zerstört und neu aufgebaut wurde, scheint dieser Gedanke plötzlich erstaunlich passend.
Etwa eine Stunde weiter südlich liegt Priene, eine der weniger besuchten und zugleich am schönsten erhaltenen hellenistischen Städte der Region. Hier wurde Bias von Priene geboren, einer der Sieben Weisen des antiken Griechenlands. Einer seiner meistzitierten Sätze lautet sinngemäß: „Die meisten Menschen sind schlecht.“ Ob das nun zutiefst zynisch oder einfach nur ehrlich ist, hängt vielleicht davon ab, was für einen Tag man gerade hat.
Weiter südlich erreichen wir Milet. Und hier wird es richtig interessant. Thales, Anaximander und Anaximenes: Die gesamte Milesische Schule hat hier ihren Ursprung. Es waren einige der ersten Denker der westlichen Tradition, die nicht mehr fragten, wer die Welt erschaffen hatte, sondern woraus sie besteht. Aristoteles bezeichnete Thales später als Begründer der Philosophie.
Heute liegen die Ruinen still da, und der einstige Hafen ist längst verlandet. Während ich meinen türkischen Tee gegenüber dem Theater von Milet trinke, denke ich an all die Namen und Ideen, die mit diesem Ort verbunden sind.
Dann folgt Didyma. Der gewaltige Apollontempel gehörte einst zu den bedeutendsten Orakelheiligtümern der Antike, nur Delphi genoss noch größeres Ansehen. Menschen reisten aus dem gesamten Mittelmeerraum hierher, um ihre Fragen zu stellen. Im Grunde waren es dieselben großen Fragen, mit denen sich nur wenige Kilometer weiter auch die Philosophen beschäftigten.
Und schließlich führt mich die Straße nach Bodrum. Ich stehe an der Küste und blicke über das Wasser. Die Insel dort gegenüber ist Kos, der Geburtsort von Hippokrates, dem Vater der Medizin. Er vertrat die Idee, dass Beobachtung, Natur und Vernunft den menschlichen Körper heilen können, ohne dafür die Götter befragen zu müssen.
Ich checke in meinem Hotel ein, stelle mir für einen Moment vor, wie diese Landschaft zur Zeit all dieser Weisen ausgesehen haben mag, und gehe anschließend in der Nachmittagssonne schwimmen.

