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Artemis von Ephesos: Wo Mythos, Mutterschaft und Erinnerung aufeinandertreffen

Autorenbild: Berat Örnek
Berat Örnek
4. Juli
4 Min. Lesezeit

Die Geschichte der Artemis endete nicht in der Antike. In Ephesos verbinden sich Mythologie, Archäologie, Psychologie und gelebter Glaube bis heute und zeigen, warum eine antike Göttin noch immer erstaunlich gegenwärtig wirkt.



Ich war noch in der Mittelstufe, als unser Geschichtslehrer uns spontan einen Aufsatz über eine historische Persönlichkeit schreiben ließ, die uns inspirierte. Für mich war die Antwort sofort klar. Wer könnte inspirierender sein als Artemis, die wunderschöne Göttin der Jagd und der Fülle?

In der nächsten Stunde gab uns unser Lehrer die Aufsätze zurück. Alle anderen Kinder hatten Atatürk gewählt und über ihn geschrieben. Nur ich hatte mich für Artemis entschieden, eine fiktive, mythologische Figur, die, wie mein Lehrer betonte, schließlich gar nicht wirklich existiert hatte.


Ich wusste, dass mein Lehrer damit nicht ganz recht hatte. Denn Mythen können uns sehr lebendig durch unser Leben begleiten. Artemis verkörpert für mich einen der archetypischen Aspekte des Mütterlichen. Wer eine Mutter hatte oder selbst Mutter geworden ist, kennt etwas von dieser besonderen Göttin.


Mit dieser Erinnerung im Kopf besuchte ich im vergangenen Jahr nach langer Zeit wieder das Archäologische Museum von Ephesos im heutigen Selçuk. Viele Jahre waren vergangen, seit ich zuletzt die antiken Münzen mit ihren Bienenmotiven gesehen hatte. Die Biene war ein Symbol der antiken Stadt Ephesos und zugleich eng mit Artemis verbunden.


Artemis ist die Tochter von Zeus und Leto und die Zwillingsschwester Apollons. Der Mythologie zufolge wurde sie auf der Insel Delos geboren. Artemis kam zuerst zur Welt und half unmittelbar danach ihrer Mutter bei der Geburt Apollons. Ihre erste Handlung auf dieser Welt war also die einer Geburtshelferin. Als sie die Schmerzen ihrer Mutter sah, entschied sie sich für ein jungfräuliches Leben und wurde zur Beschützerin wichtiger Übergänge im Leben von Frauen.

In der klassischen Bildwelt begegnet uns Artemis meist mit Pfeil und Bogen, begleitet von einem Hirsch. Wie das Tier selbst steht sie für Schnelligkeit und Wildheit und ist eng mit Wald und Bergen verbunden.


Umso überraschender wirkt die wunderschöne marmorne Artemisfigur in dem kleinen Museum von Selçuk. Kein Pfeil, kein Bogen. Stattdessen scheint ihr reich verzierter Körper geradezu vor Lebenskraft zu pulsieren.


Die Artemis von Ephesos trägt die gesamte lebendige Welt auf sich. Bienen, die heiligen Symbole ihrer Stadt, erscheinen auf ihrem Gewand neben Löwen und Stieren, Hirschen und Greifen, Sphinxen und geflügelten Siegesgöttinnen. Es wirkt, als hätte sich die gesamte Tierwelt um ihren Körper versammelt.


Und dann sind da die berühmten Formen auf ihrer Brust. Brüste? Eier? Die Hodensäcke geopferter Stiere? Seit Jahrhunderten diskutieren Wissenschaftler darüber, ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Vielleicht liegt ihre Bedeutung gerade darin, dass sie sich nicht auf eine einzige Interpretation reduzieren lassen. Sie stehen für Fülle, Fruchtbarkeit und die unerschöpfliche nährende Kraft der Mutter.


Eine besonders schöne Interpretation der Symbolik von Artemis findet sich bei der jungianischen Analytikerin Lisa Marchiano in ihrem Buch The Vital Spark. Sie versteht die Jungfräulichkeit der Göttin weit über ihre wörtliche Bedeutung hinaus. Für Marchiano geht es dabei nicht um den Körper, sondern um einen psychischen Zustand: um Ganzheit, Selbstbestimmung und innere Souveränität. 


In diesem Sinne bedeutet Jungfräulichkeit bei Artemis, dass eine Frau selbst bestimmt, wer sie ist. Dass ihr innerstes Wesen nicht durch Erwartungen und Zuschreibungen von außen definiert wird. Artemis wird so von einer Figur der antiken Religion zu einem lebendigen psychologischen Ideal: zu einer Frau, die den Unterschied kennt zwischen dem, was sie selbst ist, und dem, was die Welt aus ihr machen möchte, und die sich für sich selbst entscheidet.


Am lebendigsten wird Artemis für mich jedoch dort, wo sie beinahe mühelos in die christliche Vorstellungswelt übergeht. Mythen werden zu Religion, Tempel zu Kirchen, Erzählungen zu gelebter Wirklichkeit und Verehrung.


In Ephesos geschah dieser Wandel nicht plötzlich. Vielmehr scheint sich die Verehrung über Generationen hinweg langsam verlagert zu haben. Das heilige Weibliche fand eine neue Gestalt, ohne die alte vollständig hinter sich zu lassen.


Ein entscheidender Moment kam im Jahr 431 mit dem Konzil von Ephesos. Und wohl kaum zufällig fand es ausgerechnet in jener Stadt statt, in der über tausend Jahre lang eine Muttergöttin verehrt worden war.


Im Zentrum der theologischen Auseinandersetzung stand die Frage, ob Maria als Theotokos, als Gottesgebärerin oder Mutter Gottes, bezeichnet werden dürfe. Die Debatte war heftig. Doch die Entscheidung fiel in Ephesos: Ja, Maria durfte diesen Titel tragen. Die Stadt erhielt damit eine neue Mutterfigur, deren Verehrung an einem Ort Wurzeln schlug, der mit dem Göttlich-Weiblichen seit Jahrhunderten vertraut war.



Die Geschichte vom Haus der Jungfrau Maria am Hang des Bülbüldağı fügt diesem Übergang eine weitere bemerkenswerte Ebene hinzu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschrieb die deutsche Augustinernonne Anna Katharina Emmerick in ihren Visionen ein kleines Steinhaus auf einem bewaldeten Hügel nahe Ephesos, in dem Maria ihre letzten Lebensjahre verbracht haben soll. Emmerick war bettlägerig, hatte ihre kleine Welt in Dülmen nie verlassen und besaß keine wissenschaftlichen Kenntnisse über Ephesos oder seine Geografie. Dennoch beschrieb sie die Landschaft, die Lage des Gebäudes und eine nahe gelegene Quelle erstaunlich detailliert.


Rund siebzig Jahre nach ihrem Tod folgte ein französischer Priester ihren Beschreibungen wie einer Landkarte. An den Hängen des Bülbüldağı fand er schließlich die Ruinen eines Steinhauses, das in bemerkenswerter Weise ihren Schilderungen entsprach. Teile der Anlage wurden auf die frühe römische Zeit datiert. Bis heute kommen Menschen aus aller Welt hierher, um diesen besonderen Ort zu besuchen und zu verehren.





Auch meine Familie ist immer wieder zum Haus der Jungfrau Maria in Selçuk zurückgekehrt.

Meine Mutter war eine gläubige Christin und besuchte jedes Jahr mit großer Freude das Haus ihrer Virgencita. Sie kam, um Danke zu sagen, Kerzen anzuzünden und aus der Quelle zu trinken.

Als sie mit mir schwanger war, ging sie zu ihrem Haus und bat um ein Mädchen. Einen Sohn hatte sie bereits, meinen älteren Bruder Murat. Als ihr Wunsch in Erfüllung ging, gab sie mir zu Ehren ihrer Virgencita Maria beziehungsweise Meryem als zweiten Namen. Diesen Namen trage ich mit großem Stolz. Für mich steht er für meine Artemis und ihre Souveränität über Körper und Geist. Zugleich erinnert er mich an die Liebe meiner verstorbenen Mutter und an das wunderbare kulturelle Erbe meines Landes. 







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